Wenn die Umgebung die Menschen prägt
Wenn in einem Unternehmen die Zusammenarbeit schlecht funktioniert, wird häufig nach der Ursache gesucht. Nicht selten fällt das Urteil schnell: Die Mitarbeiter seien unzuverlässig, unmotiviert oder nicht bereit, Verantwortung zu übernehmen. Die schlechte Arbeitsatmosphäre sei letztlich die Folge dieser Mitarbeiter.
Aber ist diese Betrachtung tatsächlich vollständig?
Man kann dieselbe Situation auch aus der entgegengesetzten Richtung betrachten. Nicht nur die Menschen prägen ihre Umgebung. Auch die Umgebung prägt die Menschen.
Rahmenbedingungen beeinflussen nicht nur das Verhalten der Menschen, sondern auch, welche Menschen sich von einer Organisation oder einem Beruf angezogen fühlen, welche dort bleiben und welche ihn verlassen. Dadurch kann eine bestimmte Zusammensetzung der Gruppe entstehen, die anschließend fälschlicherweise als Ursache der Probleme betrachtet wird.
Ein einfaches Beispiel ist die Führung eines Unternehmens. Wenn Eigeninitiative regelmäßig ins Leere läuft, Entscheidungen ausbleiben, Verantwortung ohne entsprechende Entscheidungsbefugnis übertragen wird oder engagierte Mitarbeiter immer wieder gegen dieselben Strukturen ankämpfen müssen, kann dies Folgen haben. Manche Mitarbeiter werden irgendwann gehen. Andere werden ihr Verhalten anpassen. Sie machen nur noch das, was unbedingt notwendig ist, vermeiden Verantwortung und halten sich aus Problemen heraus.
Von außen betrachtet könnte man anschließend sagen: „Mit diesen Mitarbeitern kann man eben nicht arbeiten.“
Damit wird möglicherweise Ursache und Wirkung verwechselt. Die Mitarbeiter, die heute als Problem wahrgenommen werden, sind nicht zwangsläufig unabhängig von den Bedingungen entstanden, unter denen sie arbeiten. Vielleicht haben gerade die Bedingungen dazu beigetragen, dass bestimmte Verhaltensweisen entstanden oder sich gehalten haben.
Das lässt sich noch weiterdenken. Es geht nicht nur darum, wie Menschen auf ihre unmittelbare Arbeitsumgebung reagieren. Auch die Zusammensetzung einer Belegschaft kann sich über längere Zeit verändern. Menschen, die mit den vorhandenen Bedingungen nicht zurechtkommen, verlassen die Organisation. Andere finden sich damit ab oder kommen gerade deshalb damit zurecht, weil sie weniger Wert auf Veränderung, Verantwortung oder Gestaltungsmöglichkeiten legen.
So kann ein Kreislauf entstehen.
Bestimmte Rahmenbedingungen begünstigen bestimmtes Verhalten. Dieses Verhalten verändert die Zusammensetzung und Kultur einer Gruppe. Die daraus entstehenden Probleme werden anschließend den Menschen zugeschrieben. Dadurch bleibt die eigentliche Ursache unangetastet.
Ein ähnlicher Mechanismus könnte sogar bei ganzen Berufsgruppen auftreten.
Nehmen wir den Beruf des Lkw-Fahrers. Ein Beruf kann durch gesellschaftliches Ansehen, Arbeitsbedingungen, Bezahlung, bürokratische Anforderungen und gesetzliche Vorgaben geprägt werden. Wenn die praktische Arbeit zunehmend durch komplizierte oder schwer verständliche Regeln bestimmt wird, kann eine Lücke zwischen dem entstehen, was auf dem Papier gefordert wird, und dem, was im Arbeitsalltag verstanden oder tatsächlich umgesetzt wird.
Dabei muss nicht einmal bewusster Regelbruch die Ursache sein. Regeln können missverstanden, unterschiedlich interpretiert oder in der täglichen Praxis anders angewendet werden. Wenn sich solche Verhaltensweisen über längere Zeit etablieren, können sie Teil einer Berufskultur werden.
Gleichzeitig prägt diese Berufskultur wiederum das öffentliche Bild des Berufs. Aus dem Bild vom „typischen Lkw-Fahrer“ wird dann schnell eine Erklärung für die Probleme: Die Fahrer seien eben rücksichtslos, unzuverlässig oder würden sich nicht an Regeln halten.
Aber auch hier lohnt sich die Frage aus der anderen Richtung: Welche Bedingungen führen dazu, dass Menschen diesen Beruf ergreifen, welche halten sie darin und welche bringen sie dazu, ihn wieder zu verlassen?
Das bedeutet nicht, dass Menschen keine Verantwortung für ihr eigenes Handeln tragen. Jeder Einzelne bleibt dafür verantwortlich, wie er sich verhält. Schlechte Rahmenbedingungen sind keine allgemeine Entschuldigung für Fehlverhalten.
Aber persönliche Verantwortung und der Einfluss der Umgebung schließen sich nicht aus.
Wer Verhalten verändern möchte, sollte deshalb nicht nur versuchen, die Menschen zu verändern. Er sollte auch die Bedingungen betrachten, unter denen dieses Verhalten entsteht und sich halten kann.
Vielleicht liegt genau darin ein häufig übersehener Ansatz zur Lösung solcher Probleme: Nicht nur die Frage zu stellen, was mit den Menschen nicht stimmt, sondern auch, was mit dem Umfeld nicht stimmt, in dem diese Menschen arbeiten.
Denn manchmal ist nicht nur die Belegschaft ein Produkt ihrer Umgebung.
Manchmal ist die Umgebung auch ein Produkt der Menschen, die sie über Jahre hinweg ausgewählt hat. Und wer diesen Zusammenhang nicht betrachtet, versucht möglicherweise immer wieder, ein Problem an der falschen Stelle zu lösen.